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Okwui Enwezors Venedig-Biennale ohne Zukunft
©Jutta de Vries 2015

„All the World’s Futures“, das zentrale Motto der „Mutter aller Biennalen“ stammt traditionell vom Kurator der Schau, diesmal heißt er Okwui Enwezor. Der 52jährige Nigerianer mit US-Pass, hochgelobt einst für seine Documenta 11 und heute zurückhaltender Chef am Münchner Haus der Kunst, sucht Zukunftsperspektiven (frei übersetzt, denn das Wort „Zukunft“ gibt es im Deutschen ja nur im Singular). Und er meint damit alle Völker der Welt. Eine Globalisierungs-Schau also, auf der Basis des Gegenwarts-Schreckens-Szenario.

Jedenfalls sieht Enwezor – für wie viele Zukünfte auch immer – richtig schwarz. Vor der Attika seines Padiglione Centrale empfangen den eilenden Kunstjünger, der sich sputen muss, um wenigstens einen kleinen Tages-Überblick zu erhalten, lange schwarze, drapiert herabhängende Leinwände wie erschlaffte Banner (Oscar Murillo), übertitelt in Neon-Laufschrift mit „Blues Blood Bruise“ (Glenn Ligon) und in der allerheiligsten  Empfangs-Rotonde ist ringsum in unterschiedlichen Typografien das Wort „The End“ (Fabio Mauri) zu lesen. Hat man dann die hohe Wand aus Flüchtlingskoffern und die Himmelsleiter ins endlose Nirwana der Kuppel umrundet und nebenan im Kabinett Christian Boltanski in Video-Endlos-Schleife schreien hören und Blut spucken sehen,  hat man im nächsten Kabinett am dürren Baumgerippe von Robert Smithson vorbei über Reste des eingestürzten Kabinetts von Thomas Hirschhorn klettern und später dann starre Blicke einer Gesamtkollektion von Marguerite Dumas` Totenköpfen aushalten müssen, wäre hier eigentlich schon alles gesagt und erfasst. Die US-Konzept-Künstlerin Adrian Piper, diesjährige Golden Lion-Gewinnerin, sagt es uns trotzdem nochmal auf großen Wandtafeln, wie als Strafarbeit  artig untereinander, wieder und wieder:  „Everything will be taken away“. Denn wir wissen es schon längst, alles ist endlich, und man könnte wieder gehen,  sich der eilenden Masse entziehen, um sich dem Venezianischen Dolce Vita hinzugeben – schließlich leben wir jetzt und hier und sollten uns der herrlichen Welt erfreuen. Schnell noch einen Blick aufs Arsenale: Auch hier, außen entlang der gesamten  Corderie, begleiten uns Sack und Asche von Ibrahim Mahama, Innen am Anfang „Seerosenblüten“ (Adel Abdessemed) aus einer Vielzahl von arrangierten Macheten, gefolgt von Monica Bonvicinis ebenso bedrohlichen ölig-schwarzen Kettensägen-Clustern, schließlich liegt als Eyecatcher dekorativ großzügig ausgebreitet das  buntfarbig übergossene Trümmerfeld von Katharina Grosse.

Ganz so schlicht ist die Inszenierung aber dann doch nicht gemeint. Enwezor will den Blick auf die Krisen der Welt schärfen, den Terror, die Kriege, die Flüchtlingsdramatik, den Hunger, den Klimawandel, die Wirtschaftskrisen und Umweltkatastrophen. Das, was ihn interessiert, sind die Zukunftsvisionen aus der Sicht  der Dritten Welt. Er zieht „beratend“ Geistesgrößen wie Walter Benjamin,  Ernst Bloch, Alexander Kluge und Karl Marx hinzu. Wie steht es mit dem Prinzip Hoffnung, welche Einflüsse können Künstler überhaupt auf die Entwicklung der Welt nehmen? Schließlich ist die Zukunft nur zu gestalten, wenn man die Vergangenheit kennt – aber hat der Mensch je aus der Vergangenheit gelernt?

Die  rund 140 Künstler aus aller Welt, die Enwezor in seine Hauptschau im Zentralpavillon und ins Arsenale eingeladen hat, zeigen aus diesen Leitgedanken heraus ungefähr 700 Kunstwerke. Unbekannte Namen aus Afrika, Asien, Südamerika sind überproportional vertreten. Gleichwohl sind auch große Namen da: Tania Brughera, Steve McQueen, Hans Haake, Andreas Gursky, Isa Genzken, Harun Farocki oder Marcel Brodhaers. Den Kuratoren der 89 Länderpavillons hat Enwezor das Thema dringend ans Herz gelegt,  auch den Machern der 44 Eventi Collaterali, die sich in schöne, müde Palazzi, verstreut in der gesamten Serenissima, eingenistet haben und im Kontrast zu den herrschaftlichen Strukturen der Vergangenheit zeitschreiend aufblühen.

Die Frage stellt sich, ob instrumentalisierte Kunst, die um latente  Themen kreist, ihren Zweck erreicht und dann noch Kunst ist oder doch werbeträchtiges Mittel zur globalen Info und Sozial-Erziehung?

Enwezor liegt die Weltverbesserung unbestritten sehr am Herzen. Er legt viel Wert auf ein umfassendes Verständnis der Künste, bezieht Musik, Performance und vor allem das Wort mit ein, um die Botschaft deutlich – überdeutlich  rüber zu bringen. Allora & Calzadilla aus den USA bringen eine faszinierende „Chorfantasie“ a cappella von Gene Coleman nach Haydns „Schöpfung“ als Performance, Neonlicht-Wortbotschaften von  Bruce Nauman fassen das Leben und den Tod in Schlagwörter. Vor allem gibt es die viel gescholtene Arena im Zentrum des Padiglione Centrale, in der täglich mehrfach Sound-Arbeiten zu hören sind: frei tonale musikalische Reminiszenzen an Studentenaufstände in den 68ern in Italien von Luigi Nono, die Olaf Nikolai eingerichtet hat; Jeremy Deller lässt  „Factorysongs“ der britischen Arbeiterklasse vortragen. Aber Enwezors täglicher Hit ist das „Kapital“ von Karl Marx, dritter Teil, in englischer Übersetzung in Häppchen gelesen bis zum bitteren Ende, das mit dem Ende der Biennale zusammen fallen soll.  Kapitalismuskritik? Nein, sagt Enwezor, „es handelt sich um eine Reflexion über die inhärenten Widersprüche und Extreme des Kapitals. Wir können nicht über Ungleichheit nachdenken, ohne über Kapital zu sprechen.“

Die Vergeblichkeit der Bemühungen dieser Biennale werden gleich zur Eröffnung demonstriert: Berühmte Superyachten mit zahlreichen begeisterten Sponsoren und Kunstkäufern machen direkt am Giardini-Portal im Bacino fest, unter ihnen das 80 m lange Luxusboot Chopi-Chopi des libanesischen Multimillionärs und Assad-Freundes Nadschib Mikati.
Ambivalenz –  das ist das große Thema unserer Gegenwart.

Seit Anfang Mai hält die 56. Biennale der Kunst ihre Tore geöffnet, und ich frage mich, was mir von meinem Besuch in der Eröffnungswoche überhaupt geblieben ist?
Vor allem das Gefühl der Erschöpfung durch Kompilation immer gleicher Themen, deren  gesellschaftspolitische Botschaft so leicht lesbar ist und oft genug so folkloristisch daher kommt. Überdruss durch überbordenden Hype, durch ruhelose Kleinteiligkeit, die eine Struktur und Modulation in der „Kunstschau der Besten der Welt“ schlicht vermissen lässt. Eng gedrängt macht ein Künstler mit seinem Werk dem Nachbarn die Wirkung streitig. Dazu ertrinkt man wieder in den Video-Fluten. Der großzügige Säulenwald der Corderie im Arsenale: in white boxes zerstückelt, Bezüge sind kaum herzustellen. Allerdings scheint Enwezor die Malerei neu zu entdecken: Chris Ofili ist großformatig vertreten, Adrian Ghenie macht den rumänischen Pavillon zur Farborgie, ganz zu schweigen von der Plattform für Georg Baselitz’ neueste Selbsterfahrungen.

Stadtraumskulpturen, die den Besucher früher auf das Kunstereignis einstimmten und oft  für Heiterkeit sorgten: Fehlanzeige. Allein vor San Servolo dümpelt ein Aluminium-Eisberg  (für Syrien: Helidon Xhixha) und im Arsenale-Becken das überdimensionale Papierschiffchen (des Brasilianers Vic Muniz) zur Mittelmeer-Flüchtlingskatastrophe – nicht erheiternd, aber Anstoß zur Diskussion. Allerdings haben die beiden schwebenden Riesen-Schrottdrachen (Xu Bing) in den Gaggiandre eher eine dekorative als abschreckende Wirkung. Ich nehme sie als Glückszeichen, denn es gibt auch das Spannende.

Der armenische Länderbeitrag zum Beispiel ist schon durch seine nur mit einem Sonderboot zu erreichende Lage auf der Klosterinsel San Lazzaro etwas Besonderes. Zum Gedenken an die 100. Wiederkehr des Genozids am armenischen Volk haben 12 armenische Künstler so beeindruckend mit diesem Thema gearbeitet, dass sie mit dem diesjährigen Goldenen Löwen für den besten Länderpavillon  ausgezeichnet wurden.
Herman de Vries macht den niederländischen Pavillon zur naturkundlichen Sammlung und präsentiert viele spannende Dinge aus der Lagune. Seine charismatischen, beinahe sakralen Räume beeindrucken immer wieder. Die USA mit Joan Jonas versuchen ebenfalls die spirituellen Aspekte der Natur herauszustellen. Spirituell im weitesten Sinn gerieren sich auch die fragwürdigen tanzenden Bäume Frankreichs, und im neuen australischen Pavillon setzt Fiona Hall auf viel Schamanenzauber. Geheimnisvoll Verborgenes gibt es auch im deutschen Pavillon, der diesmal zur Fabrik mutiert ist. Auf dem Dach, ungesehen, sind für Olaf Nicolai Bumerang-Schnitzer am Werk. Wer Glück hat, sieht ein Kunstwerk fliegen und zurückkehren – perfekte Metapher für den Kreislauf des Kapitals. Aufgepasst, Liebhaber von Venedigs Straßenhändlern: dort kann man die Wunderwerke erstehen – mit Glück. Auf weiteren Fabrik-Ebenen gibt es Foto-Dokus von Tobias Zielony, Filmlängen über ein afrikanisches Theaterprojekt von Jasmina Metwaly und Philip Rizk, und eine ambitionierte Videoarbeit von Hito Steyerl im Computerspiel-Modus. Schon wegen der super gemütlichen Liegestühle lohnt sich der komplette Durchgang, bevor man sich im britischen Pavillon  über Sarah Lucas’ Softpornos freut (endlich mal!) oder im voll gerammelten kanadischen Drugstore an der raffinierten 50-Cent-Abzocke teilnimmt.
Japan hat mit „Key in Your Hand“ eine dekorative all-over-Installation von hunderten verschiedenen Schlüsseln ins Rennen gebracht, die an roten Fäden dicht an dicht von der Decke fließen und zwei Boote  fast unsichtbar machen – solche Metaphern sind publikumswirksam. Nicht publikumswirksam, aber dafür aus der Stille heraus erfahrbar ist Heimo Zobernigs Verwandlung des Hoffmann-Pavillons von Österreich. Er behandelt nur die Architektur, nivelliert die verschiedenen Ebenen des Fußbodens und zieht die Decke nach Maßgesetzen herunter, dazu kommt die Öffnung in den Hortus Conclusus, den eingegrenzten Garten – beinahe eine Zen-Erfahrung.


Nach Giardini und Arsenale warten noch 44 Kirchen und Palazzi im Stadtgebiet, und da sollte man so viel mitnehmen wie möglich – die Neugier, endlich mal die ansonsten hermetischen Palazzi von innen betrachten zu können, wird reichlich belohnt.

Nicht mehr zu besichtigen und daher der wirkungsvollste Eklat ist natürlich Christoph Büchels Moschee-Projekt für Island  - leider von höchster Stelle wieder geschlossen, nach nur zwei Wochen. Die Provokation war der katholischen Kirche einfach zu groß. Eine ungenutzte Kirche in eine funktionale Moschee zu verwandeln ist ja  heutzutage auch ein aufreizendes Politikum, wer weiß, vielleicht ein Omen? Welche Ängste mögen da wohl mitspielen?  

Jaume Plensa bespielt San Giorgio mit durchgeistigter Kopfskulptur, Sean Scully hat den Palazzo Falier mit seinen großformatigen Leinwänden in ein großes, sogartiges Wellenmeer verwandelt, die spätbarocke Bibliotheca Marciana wird zu Neuseelands Anklage gegen den NSA, Luxemburg häuft im Ca’del Duca Geldschein-Berge mit „Sorry“-Aufdruck, im Institut für Wissenschaft und Literatur ist vor allem der alte Palazzo Loredan die wahre Kunst, und wer in den Palazzo Pisani geht, in dem die Musikhochschule Benedetto Marcello ihren weiträumigen Sitz hat, erklimmt sich die Kunst des Südafrikaners Beezy Baily über sechs Stockwerke im breiten Treppenhaus, ausgerüstet mit Kopfhörern für den passenden Sound von Brian Eno. Der schönste Preis für die Mühe und die Kunst ist jedoch der Rundum-Blick über die Dächervielfalt durch die Okuli in der Mansarde. Venedig, mon Amour!

Und damit man noch länger bleibt, haben alle 13 Museen hochkarätige eigene Ausstellungen für die Biennale-Zeit konzipiert. Locker könnte man einen ganzen Monat von früh bis spät in den wahren Sahnestücken der Kunstgeschichte baden. Doch auch wenn nur einige Tage zur Verfügung stehen und man die kostenträchtigen Museen außen vor lässt, findet sich ein Kosmos an Herrlichkeiten mit dem Biennale-Ticket, die „Collaterali“ in der Stadt sind sogar alle frei zugänglich.

Gerade weil die Schau so schwierig ist und zu so vielen kritischen Kommentaren Anlass bietet, sollte man sie nicht versäumen – zeigt sie doch deutlich, wie tastend, unsicher und kontrovers die globale Kunstwelt ihre Zukunftsvisionen diskutiert. Diskutieren Sie mit, auch Schülerinnen und Schüler können ungemein profitieren!

Die Schau läuft noch bis zum 22.11.2015
Weitere Infos: www.labiennale.org